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Ein Hotelgast klagt an

Ein kalter Krieg tobt in deutschen Hotels. Es ist der Krieg zwischen Gästen und Reinigungspersonal. Und die Reinigungskräfte sind dabei, ihn zu gewinnen.

Inzwischen ist es in Hotels gleich welcher Preisklasse vollkommen üblich, daß die Putzleute das Zimmer nach Belieben betreten und wieder verlassen können, und zwar egal, ob der Gast das möchte. Wer wie Verf. einen deutlich nokturn geprägten Lebenswandel pflegt und sich insbesondere in den Ferien selten vor zwölf von seinem Lager erhebt, wird mittlerweile auf jeden Fall gestört.

Dabei ist es Sitte, nicht einmal mehr zu klopfen, bevor man ins Zimmer eindringt. Wer nach zehn Uhr noch im Bett ist, erhält dann einen Weckruf wie „Oh sorry, Sir“, und wird mit routiniert gespielter überraschter Zerknirschtheit konfrontiert. Die entstehenden Streitgespräche sind dann von der Art, daß man als braver Putzmann natürlich im Leben nicht damit gerechnet hätte, daß sich ein Gast nach zehn Uhr überhaupt noch in seinem Zimmer aufhält - egal, ob zu Schlafens- oder anderen Zwecken. Als Intensivnutzer eines Hotelzimmers wird man mit demselben Verständnis konfrontiert, das man exotischen Varianten des Menschseins wie Blutern, Tourette-Kranken oder Albinos entgegenbringt. Natürlich weiß man, daß es solche Menschen gibt. Aber man rechnet doch nicht damit! Und schon gar nicht in diesem Hotel!

Nachdem sich der Störenfried aus dem Zimmer entfernt hat, ist er aber weiß Gott nicht abwesend. Er bewegt sich nämlich noch mindestens eine Stunde auf dem Gang, stört nach Belieben andere Gäste und schlägt allerhand Lärm, um darauf hinzuweisen, wie normal es ist, um diese Zeit auf den Beinen, laut und geschäftig zu sein, und um dem Faulpelz einen deutlichen Anreiz zum Aufstehen zu geben. In jedem zweiten Fall kommt die Kraft noch vor Stundenfrist ein zweites Mal in das Zimmer hinein oder schickt einen Kollegen.

Schutz gibt es keinen. Ein „Nicht stören“-Schild führt nur dazu, daß kurz geklopft wird, bevor sich das Gelichter Einlaß verschafft. Dann folgt unerbittlich die Invasion und die sich anschließende fruchtlose Diskussion. Dabei ist das Klopfen bereits eine Störung! In vielen Hotels gibt es diese Schilder gar nicht mehr, weil sie ohnehin ignoriert werden. Nachdem er in einem durchaus nicht billigen Berliner Hotel ein solches nicht finden konnte, bastelte der verzweifelte Verf. aus einer Serviette, die er in der Minibar gefunden hatte, einen billigen Ersatz. Punkt zehn Uhr wurde die Tür ohne Klopfen aufgestoßen, es folgten die üblichen Entschuldigungen. Nachdem Verf. gegen Abend zum Zimmer zurückkehrte, war die einzige Reinigungsleistung - die Entfernung besagten Serviettenschilds.

Es ist, in der Sprache der Differenzphilosophie formuliert, das unerbittliche Regime der Diurnomativität. Nichts nutzt der Hinweis darauf, daß man in den Ferien oder chronobiologisch eher eine Eule ist. Nichts fruchtet die Bemerkung, daß durchaus nicht jeder Gast jeden gottverdammten Tag eine Grundreinigung seines Zimmers wünscht und die Ruhe seines Herzens einem überflüssigen Neubezug seines Bettes jederzeit vorzieht. Es ist die Rache des Werktätigen am Müßigen, es ist gelebte Entfremdung: Kein Gast hat das Recht, die Drangsal der Stechuhr auch nur für einen Moment zu vergessen. Täglich muß er daran erinnert werden, daß es kein Recht auf unbeschwerten Genuß, kein Recht auf Arbeitslosigkeit gibt, und daß die freie Zeit nur der Wiederherstellung der Arbeitskraft dient, deren Autorität nicht einmal in der illusorischen Freiheit eines Urlaubs negiert werden darf. Adorno hätte geschossen. Und zwar mit Schalldämpfer!

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