Direkt zum Hauptbereich

Die Abschaffung der Wahrheit


Seit dem 1.2. erscheinen auf der Wahrheit-Seite von Taz.de keine neuen Texte mehr. Wie man aus der Redaktion hört, fehlt es an jemandem, der die Texte dieser traditionsreichen Satirerubrik aus der Printausgabe auf Taz.de einstellt. Das ist natürlich ein lächerlicher vorgeschützter Grund. Die Online-Redaktion der Taz hat über dreißig Mitglieder, die Texte liegen digital vor. Und die Karikatur von Tom, laut Auskunft von Mitarbeitern der meistgeklickte Inhalt überhaupt, wird immer noch veröffentlicht; wohl weil man auf diese sichere Einnahmequelle nicht verzichten kann. Die Wahrheit über die "Wahrheit" ist, daß die Chefredaktion sie nicht mehr will. Und das ist ein Skandal.

Es gibt in Deutschland genau drei Publikationsmöglichkeiten für satirische Texte: TITANIC, die Taz-Wahrheit und den Eulenspiegel. Viele Texte, die wir bei TITANIC ablehnen müssen, können ohne Schwierigkeiten bei der Taz erscheinen. Aber auch sonst hat die Wahrheit-Redaktion über die Jahre und Jahrzehnte hinweg eine eigene Linie gepflegt, bei der Altgediente und schriftstellerische Frischlinge, die Grotesken eines Eugen Egner und die Schimpfereien eines Wiglaf Droste friedvoll nebeneinander stehen konnten. Wenn diese Texte nicht mehr online erscheinen, fallen sie in die mediale Bedeutungslosigkeit; sie sind de facto nicht mehr öffentlich. Die Taz-Chefredaktion scheint damit gut leben zu können. Man ahnt, daß damit der nächste logische Schritt, nämlich die vollständige Abschaffung der Rubrik, nur mehr Formsache ist.

Immer konnte sich die Taz brüsten, mit der "Wahrheit" die einzige täglich erscheinende Satireseite in einer europäischen Tageszeitung zu haben. Die große Kai-Diekmann-Skulptur auf der Fassade des Taz-Hauses geht auf einen Text Gerd Henschels in der "Wahrheit" zurück; immer wieder haben Taz-Satiren, gleich ob über Kaczyński oder Sarrazin, öffentliche Aufmerksamkeit für die Zeitung erzeugt. Das jedoch interessiert die Chefredaktion nicht. Man will die Taz offenbar weiter in Richtung dessen umbauen, was Wiglaf Droste einst "das ausgelagerte Volontariat der Bürgerpresse" genannt hat: ein Sprungbrett in den Mainstream-Journalismus. Man will eine Taz haben, bei der man nach zwei, drei Jahren aufhören und dann problemlos zu "Spiegel online", Neon oder Intouch wechseln kann. Die "Wahrheit" stört dabei.

Wie man hört, soll in der Wochenendausgabe die "Wahrheit" bald schon von der letzten Seite genommen werden. An ihre Stelle wird dann, wenn man den Gerüchten glauben darf, ein Fragebogen mit Prominenten treten. Das wäre dann der letzte Witz, der auf dieser Seite erschiene, und ein ziemlich schäbiger obendrein.
Ob es die "Wahrheit" gibt oder nicht, daran entscheidet sich, ob die Taz noch eine Zeitung ist, die man lesen kann, oder eine zusammengestümperte Revolvergazette, wo Leute arbeiten, die nur den nächsten Karriereschritt planen, und wo ansonsten der gleiche Society-Dreck erscheint wie überall auch.

Ich kann allen Freunden deutschsprachiger Satire nur raten, sich mit flammenden Briefen an die Taz-Chefredaktion zu wenden und für den Erhalt der Rubrik einzutreten. Sie haben ein Recht auf die Wahrheit.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kauft nicht bei Deutschen!

Wegen Ihres November-Covers "Kauft nicht bei Deutschen" erhält die Redaktion der "Konkret" derzeit Post von der scheint's völlig entfesselten Polizei Hamburg. Den zugehörigen Leitartikel hatte damals ich verfaßt; er wird hier ungekürzt wiedergegeben.
SBD - Kauft nicht bei Deutschen!
Dieser Aufruf richtet sich an die deutsche Zivilgesellschaft, vor allem an die hiesigen Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Berufs- und Wirtschaftsverbände sowie an alle Gruppen und Personen, die sich dem Frieden™ und der guten Laune verpflichtet fühlen.Es ist der Redaktion dieser Zeitschrift zu Ohren gekommen, daß einige ihrer Leserinnen und Leser immer noch bedenkenlos Produkte und Dienstleistungen konsumieren, die auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches produziert werden. Gutgemeinte Warnkampagnen wie “Made in Germany”, die von ehemaligen Opfern Deutschlands ins Leben gerufen wurden, haben ihre Funktion weitgehend eingebüßt, werden teilweise sogar als geschmackloses Qu…

Endlich

Die Arbeit von zwei Jahren trägt endlich Früchte: Ich kann nun an sieben Punkten der Wohnung sitzender- und liegenderweis mein Handy aufladen, mit diskret vertäuten, stabil konstruierten USB-Kabeln, die nicht plötzlich kaputtgehen oder "verschwinden", "liebe" Übernachtungsgäste. Ich möchte nicht übertreiben, aber der Aufwand entsprach in etwa dem der Sixtinischen Kapelle. Kommende Generationen werden mir danken für dieses Denkmal der Bequemlichkeit.Damit ist meine Aufgabe auf Eurem Planeten erfüllt *beamt sich raus*
Mit den sog. Drogen verbindet mich praktisch nichts. Nie ein Bedürfnis gehabt, nie sonderlich gute Erfahrungen gemacht. Wenn mich Freunde zum Konsum überredeten, lief es meist darauf hinaus, daß wir gemeinsam auf dem Sofa saßen und auf die Wirkung warteten, während ich eigentlich nur ins Internet wollte. Wenn die Wirkung dann endlich eintrat, mußte ich geduldig Gesichtsprickeln, Gedankenwirrsal und den Anblick meiner peinlich entrückten Freunde über mich ergehen lassen; das Bedürfnis nach Internet in dieser Zeit wurde dadurch nur stärker, geradezu quälend. Große Erleichterung, wenn Freund und Rausch dann fort waren und ENDLICH WIEDER INTERNE T