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Kunst im öffentlichen Raum (4)



Gibt es eine Schönheit, die nicht von kulturindustriellen Zwängen einerseits, von patriarchalischen Machtstrukturen andererseits überformt wird? Vielleicht wird man ihrer habhaft dort, wo die Kosmetikindustrie der Superreichen proletarisch reinterpretiert, dekodiert, vonmiraus auch defloriert wird – im „Interstitiellen“ (Kristeva), in den Zwischenräumen, in den Falten, Krähenfüßen, Schlupflidern, Besenreisern und scheußlich aufgequollenen Hexenwarzen des Diskurses?

Diese beiden Frauen haben die Antwort auf Schönheitskult und Jugendwahn gefunden – indem sie sie schuldig bleiben. Man weiß nicht, ob sie die Kosmetikerinnen, die Kundinnen vor oder die Kundinnen nach der Behandlung darstellen sollen; ob sie Bestätigung, Abweichung oder abschreckendes Gegenteil eines fraulichen Idealbilds sind, das sie somit zugleich dekonstruieren. Alle Varianten, sogar Kombinationen davon sind denkbar; ebenso wie die Möglichkeit, daß hier eine wirklich hochpotente und wundermächtige Fruchtsäure ein ganz und gar beeindruckendes Vorher-Nacher geleistet hat, wir hier also dieselbe Frau sehen, der das Peeling gleich auch Brille, Bluse und Unterbiß zusammen mit dem Bildkontrast weggeätzt hat.

Die Jury lobt auch die seltsam lovecraftsche, venusfliegenfallenhafte Pflanzenkreatur im Hintergrund, deren von dämonischen Ranken besetztes Maul gleichzeitig das lindernd-fruchtige, die Falten irgendwie wegfressende Heilsversprechen der Säure wie auch das Freudsche Schreckbild der vagina dentata evoziert und so noch einmal ein Dings, na, irgendwas halt zum Ausdruck bringt, gehen Sie halt mal selber hin, soll gut sein da.

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Leseprobe: "Waschmaschinen über Prag"

Seit Juni letzten Jahres verfasse ich zusammen mit dem fabelhaften Benjamin Weissinger einen komischen Roman: "Waschmaschinen über Prag", ein Kolossalgemälde des aktuellen Uni- und Jungmenschenmilieus. Ein Riesenspaß, mit dem wir allerdings auch Geld verdienen wollen - wir schreiben hinter einer Paywall bei Patreon. War der Roman ursprünglich dafür gedacht, Leute zu werben, die unseren verkrachten Künstlerexistenzen unter die Arme greifen möchten, ist das Ganze jetzt mehr und mehr ausgeufert; wir denken schon darüber nach, ein Wiki anzulegen. Irgendwann soll das Ganze vielleicht sogar in Druck gehen.

Neue Folgen erscheinen zweimal wöchentlich, jeweils freitags bei Benjamin und montags bei mir. Wenn Euch die Leseprobe gefällt, würden wir uns freuen, wenn Ihr uns unterstützt. Auf unseren Patreon-Seiten gibt es außerdem jede Menge anderen amüsanten Unfug, Vorab-Previews, Hinterher-Reviews und ungeschönte Einblicke in die Schmuddelwerkstatt zweier zerfahrener Gestalten.

Wer nicht …
Heinrich Wefing schreibt in der "Zeit":

"Überall in Europa steht der Rechtsstaat unter Druck. Rechte und linke Populisten untergraben seine Fundamente: die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Justiz, die Menschenrechte. Wer sie nicht verteidigt, hilft den Autokraten."

Jaja, wenn eines uns Sorgen machen muß, dann die zahlreichen linken Regime in Europa, von denen das gefährlichste das einer deutschen Linkspartei ist, die regelmäßig sogar Platz vier oder fünf bei Wahlen erreicht. Ihre Vorhaben sind mindestens mit denen Orbáns vergleichbar: jener will gleich die Justiz abschaffen, diese immerhin das Busticket - beides Fundamente unseres Rechtsstaats!

Daß aber einer inmitten eines europaweiten Rechtsrucks den Himmel noch immer voller Hufeisen hängen haben kann, dafür bedarf es wahrscheinlich des kuschelweichen Kokons eines deutschen Qualitätsfeuilletons...
Ich habe das Buch von Olaf Scholz gelesen. Es besteht Grund zur Sorge.