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Leseprobe: "Waschmaschinen über Prag"

Seit Juni letzten Jahres verfasse ich zusammen mit dem fabelhaften Benjamin Weissinger einen komischen Roman: "Waschmaschinen über Prag", ein Kolossalgemälde des aktuellen Uni- und Jungmenschenmilieus. Ein Riesenspaß, mit dem wir allerdings auch Geld verdienen wollen - wir schreiben hinter einer Paywall bei Patreon. War der Roman ursprünglich dafür gedacht, Leute zu werben, die unseren verkrachten Künstlerexistenzen unter die Arme greifen möchten, ist das Ganze jetzt mehr und mehr ausgeufert; wir denken schon darüber nach, ein Wiki anzulegen. Irgendwann soll das Ganze vielleicht sogar in Druck gehen.

Neue Folgen erscheinen zweimal wöchentlich, jeweils freitags bei Benjamin und montags bei mir. Wenn Euch die Leseprobe gefällt, würden wir uns freuen, wenn Ihr uns unterstützt. Auf unseren Patreon-Seiten gibt es außerdem jede Menge anderen amüsanten Unfug, Vorab-Previews, Hinterher-Reviews und ungeschönte Einblicke in die Schmuddelwerkstatt zweier zerfahrener Gestalten.

Wer nicht so gern, sondern lieber lauscht, findet das Ganze auch als Podcast auf Soundcloud.

WASCHMASCHINEN ÜBER PRAG

Kapitel I - Jonas

"Weißt du was, Jonas?!"
"Nein?"
"Gestern habe ich deine Mutter im REWE getroffen."

Jonas ist ein junger Mann, normal gut gekleidet und von Frisur. Er ist gerade umgezogen und studiert. Sein Vater und er fahren mit dem Auto zu einem Möbeldiskont, um die Bude einzurichten. Das mit der Bude ist ein Steckenpferd seines Vaters, sowohl was das Wort an sich als auch die Wohnung betrifft. Miete und Kaution und alles zahlen seine Eltern, denn Jonas soll sich erst mal ins Studium reinfuchsen, bevor er einen dieser teils erstaunlich gut bezahlten Studentenjobs annimmt. Jonas hat eigentlich keine Zeit zu studieren und allein zu wohnen, aber es ist ihm auch irgendwie egal.

"...das Gute am Volvo. Passt wunderbar hinten rein. An die Decken hast du garnicht gedacht, aber ich."
"Gut."
"Und für uns starken Männer ist es doch ein Klacks, die Regale ebent hoch in deine Bude zu wuchten, was."
"Ja."

Was Jonas in den ersten Wochen an der Uni erlebt hat, lässt ihn ziemlich kalt, aber er denkt ständig darüber nach. Er hält es für sinnvoll, sich einstweilen bedeckt zu halten, was Inhalte betrifft. Allgemeine Themen und seine eigene Person. Andere stellen sich sehr stark dar; nicht nur auf Facebook und so. Wird viel gequatscht und produziert. Viel Angabe. Dabei ist er eigentlich selbst auch nicht der klassische, geheimnisvolle Schweiger. Aber erst mal sehen, womit sich die anderen so zum Affen machen. Seine Bude hat drei Zimmer, Küche und Bad, weshalb er gut eine WG daraus machen könnte.

"...auch mal eine WG daraus machen. Aber da waren sich Deine Mutter und ich einig, das überlassen wir ganz dir."
"Gut."
"Ganz interessant, deine Mutter kauft da jetzt wohl doch wieder öfter ein. Weißt du, welchen Rewe ich meine?"
"Ja?"
"Den an der Marburger Ecke Tübinger mit der ausgezeichneten Fischtheke. Die haben wohl auch einen Preis dafür erhalten. Sie kauft jetzt wohl auch viel Joghurt."
"Was?"
"Joghurt. - Das Milchprodukt. Mit Fruchtzubereitung teils. Gibt ja auch diesen cremigeren mit Honig, diesen griechischen."
"Ja."
"Der ist gut, nicht? Aber auch mächtig. Habe ich mir dann auch einige in den Wagen gelegt. Aber als deine Mutter schon weiter war. Och du, es war ganz nett."
"Hm."
"Hahaha. Es ist aber interessant, sie kann es immer noch ganz schlecht verknusen, wenn ich sie auf etwas hinweise, das sie einfach nicht bedacht hat."
"Da müssen wir glaube ich abbiegen."
"Ouh, ja! Mensch, gut, Jonas!"

Als Jonas neun Jahre alt war, kam es zu dem Vorfall im Freibad. Er hatte es sich, als er gerade an der Reihe war, spontan anders überlegt und wollte sich doch nicht die Turborutsche hinunterstürzen. Bei dem Versuch, sich etwas panisch die Treppe runterzudrängeln, waren die anderen Kinder umgefallen wie Dominosteine. Viele verletzten sich wohl nur leicht, ein Mädchen aber hatte gleich einen Schädel-Basis-Bruch und irgendwas mit der Wirbelsäule. Für den Rettungshubschrauber war die Rasenfläche geräumt worden, und viele Handtücher und Wertsachen waren danach für immer verloren. Seine Eltern hatten das meiste geregelt, aber Jonas mußte das Mädchen im Krankenhaus besuchen. Ihr Name war Irma. Er hatte an ihrem Bett gestanden und keinen Ton herausgebracht. Sie aber auch nicht. Allerdings hatte sie einen Schlauch im Mund und er nicht. Sie hatten sich einfach lange angeschaut und irgendwann beide gelächelt. 

Jonas hat sie neulich auf dem Campus sofort erkannt. Aber sie ihn nicht. Da ist er sich ziemlich sicher. Die Frage, ob und wann er sich offenbaren soll, beschäftigt ihn seither stärker, als ihm lieb ist.

Was Irma studiert, weiß Jonas noch nicht. Er ist aber recht sicher, daß sie nicht am Institut für Zentraldeutung ist. Er war jetzt in einem Tutorium und einer Vorlesung für Erstis in Deutungswissenschaften, und da hat er sie nicht gesehen. Im übrigen ist das mit den Deutungswissenschaften längst nicht so verrückt, wie man sich das vorstellt. Es geht viel um Mathematik und Statistik und weniger um Symboltabellen und alte Folianten. Das wußte Jonas aber schon vorher, und in Mathe war er auch immer gut.

Seine Mutter hätte es lieber gehabt, wenn er Technikwirtschaft genommen hätte.
“Dein Vater war ja auch lange Zeit Technikwirt. Und es ging uns doch immer gut. Bis er dann seine Aussteigerphase hatte.”
“Ja.”
“Du kannst auch erst mal ein Semester schauen. Und vielleicht ein Praktikum bei einer Deuterei machen. Es ist eben schwierig, in der Branche eine gute Stelle zu bekommen.”
“Du, Mam, ich habe doch eine Klasse übersprungen, Es müssen doch jetzt keine endgültigen Entscheidungen her.”
“Ich will eben nicht, daß du in dein Unglück rennst wie so viele vor dir. Sieh dir doch die ganzen Taxifahrer an.”

Seine Mutter ist gern dramatisch. Es kommt Jonas manchmal so vor, als würde sie jemanden anderen nachmachen, wenn sie mit ihm spricht, aber diesen Verdacht hat er bisher für sich behalten.

Die Universität ist ein Waschbetonhaufen, in dem es nach Zigaretten riecht. Es darf dort längst nicht mehr geraucht werden, aber der Rauch von Jahrzehnten sitzt tief im porösen Gestein, da kann man den Beton noch so waschen. Weil die Grundfläche der Uni sehr gering war, mußte man in die Tiefe gehen; es geht mindestens zehn Stockwerke in den uralten Betonberg hinab. Ganz unten sind die Fachbibliotheken, Sonnenlicht kriegt die Verwaltung und die Mensa. Natürlich hätte Jonas in eine andere Stadt mit einer weniger unterirdischen Uni gehen können, aber umziehen empfand er immer als einen extrem wichtigtuerischen Vorgang. Ooooh, ich ziehe um, sagen viele, und glauben, dadurch haben sie schon eine Eins im Fach Lebenslanglauf. Dabei ist es doch, jetzt mal Wetter und Dialekt abgezogen, praktisch überall gleich. Na also.

Weitere Beobachtungen in Sachen Uni: Die älteren Semester tragen Schuhe mit Sprüchen drauf, etwa: “Kinderkriegen ist nicht vegan”. Sie machen dabei so ein Gesicht: Sprich mich bitte auf meine kontroversen Schuhe an. Die jüngeren Dozenten stehen im Eingangsbereich der Institute und wollen mit den Studierenden ins Gespräch kommen. Die Professoren hingegen sind nirgends zu sehen, sie werden wohl mit dem Hubschrauber oder der Feuerleiter in die Seminare gebracht.

“Da wären wir! Jetzt bringen wir alles auf die Bude und dann zischst du noch ein Bierchen mit deinem alten Herrn, oder?”
“Dürfen wir da wirklich parken?”
“Eigentlich nicht, aber du hast ja auch nicht viel. Wir bringen die Kisten einfach flott rauf und dann wird gezischt!”

Euphorisch joggt der Vater von Jonas zum Kofferraum und hebt die erste Kiste an. Sie ist zu voll beladen, der Boden reißt durch die schnelle Bewegung. Die schönen schwarzen Ordner mit den Thelema™-Karten, Jonas sammelt sie seit Jahren. Hunderte, nein, tausende Karten sind aus den kleinen Plastikholdern gefallen und liegen jetzt im Straßendreck. Scheiße, scheiße, scheiße.

“Au Backe, Jonas. Kein guter Start. Komm, wenn wir sie schnell aufheben, werden sie nicht naß.”

Das Leben wird gerade sehr unangenehm für Jonas. Es schnürt sich um ihn herum zusammen, wird klein und dunkel. Er leistet sich nicht viele Spleens, aber die Karten bedeuten ihm was. Er wollte in sechs Wochen zu der Convention. Er steht jetzt etwas hilflos im einsetzenden Regen und beobachtet seinen Vater, wie er im Rinnstein wühlt. Wenn Irma ihn so sehen würde. Jetzt sterben, das wäre schön.

Wenig später sitzen die beiden in der Bude. Draußen stürmt und gewittert es. Vor dem großen Wolkenbruch haben sie gerade noch rechtzeitig alles hochgewuchtet. Die Karten liegen auf dem Tisch. Manche sind ziemlich hinüber. Sein Vater starrt sie an, scheint aber in Gedanken woanders.

"Du, wir sollten noch ordentlich was schaffen, bevor wir unser Bierchen zischen."

Jonas ist müde. Unter seinem trocknenden Hemd fängt es an zu jucken. Wenn ihm nicht alles so egal wäre, hätte er seinen Vater gerne weggeschickt. Stattdessen bauen sie nun Regale zusammen. Die Anleitung liegt ausgefaltet auf dem Boden, daneben die Schrauben und Dübel.

"Am besten ist es, wenn man immer alles genau nach Anleitung macht, Schritt für Schritt."

"Ja."

Jonas spürt wieder, wie er mit beiden Beinen tief in etwas eingesunken ist. Eventuell müssen doch schon bald Mitbewohner her. Gerüche von anderen sind ihm oft unangenehm. Viele essen wohl falsch, haben seltsame Waschmittel oder benutzen zu wenig Deodorant. Kalter Rauch geht auch gar nicht. Irgendwelche Genüsse werden auch gerne vor sich hergetragen, wenn man sonst nichts hat. Insgesamt wünscht er sich aber schon jemanden, der zugegen ist und den man irgendwie beobachten und wahrnehmen kann.

"Richtig kräftig randrücken. Genau. Du kannst es, wenn du willst."

Ein Blitz flackert durch das Zimmer. Jonas knurrt lautlos der Magen, etwas unruhig ist er, warum auch immer. Die Hausaufgaben für die Uni sind meist ein Klacks, genau wie vorher auf dem Gymnasium. Deutungswissenschaften sind ein weites Feld, vieles weiß er sowieso schon, bevor er es zum ersten Mal hört. Es überrascht ihn jedenfalls selten und fügt sich irgendwie nahtlos in seine bisherigen Annahmen. Nur in einer Vorlesung hat er gewisse Schwierigkeiten, die er darauf zurückführt, daß der Professor eine verstörende Weste trägt, die sich mit vielem beißt, was ihm wichtig ist. Die merkwürdige Person redet zudem in einem klar zu erkennenden Dialekt von einigem Zungenschlag. Jonas wird etwas schwindelig.

"...verarbeitet. Und das zu dem Preis. Das ist wirklich einwandfrei."
"Ja."
"Schön! Das haben wir beide doch jetzt irgendwie noch wunderbar hinbekommen, oder?"
"Ja."
"Hah, und jetzt ein kühles Bier in die trockene Kehle!"
"Ich hole es."
"Ich mach schon. Hol du schon einmal zwei Gläser aus der Kiste mit den Küchensachen, einmal kurz mit klarem Leitungswasser ausspülen und wenn Du noch ein sauberes Küchentuch hast? Oder nee, weißt du was, wir trinken es direkt aus der Flasche."
"Ok."

Jonas lässt sich auf einem Stuhl nieder. Es wäre wirklich ganz gut, wenn sein Vater sich bald verdünnisieren würde. So ein bescheuertes Wort. Ein Kommilitone aus dem Argumentseminar hat es neulich im Beisein von anderen verwendet. Wie sie diesem Typen an den Lippen hingen, dabei ist das eine ziemliche Null. Das Bier schmeckt ganz gut. Wenn sein Vater nur nicht so viel reden würde. Immer die gleichen Geschichten. Doch dann plötzlich ändert sich die Tonlage. 

“Jonas, ich wollte es dir eigentlich schon länger sagen. Eine tolle Überraschung: ich werde eine Weltreise machen.”
“Was?”
“Da bist du platt, was? Deine Mutter war auch ganz überrascht. Ja weißt du, ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich vor einer Entscheidung stand. Mach es jetzt. Oder begrab diese Idee für immer. Und ich mache es jetzt.
“Wann.”
“Jetzt. Also natürlich können wir noch in Ruhe austrinken, aber mein Flug geht heute Nacht.”

Der Vater von Jonas, darüber war man sich intern lange einig, hat schon immer viele Opfer gebracht. So hatte er sich damals geweigert, den Hof seines Vaters zu übernehmen. Jahrelange Funkstille zum Opa war die Folge. Er war Technikwirt geworden, als Jonas unterwegs war Richtung Geburt, obwohl er sich damals mehr für Instrumentenbau interessierte. Und dann hatte ihm die Mutter von Jonas auch noch die Aussteigerphase ruiniert, mit der Scheidung. Für den Fall, daß sich Jonas an diese Fakten nicht mehr erinnert, bringt sie sein Vater gerade wieder knackig auf den Punkt.

“...kurz und gut, ich glaube, es wird Zeit für mich, ein bißchen was vom Leben nachzuholen. Mir hat man früh die Flügel gestutzt. Da hast du es besser. Du kannst jetzt einfach losfliegen.”
“Ja?”
“Du bist jetzt dein eigener Herr. Kannst erst mal sorgenfrei studieren. Also für dieses eine Semester. Dann hast du bestimmt einen Job gefunden. So eine Chance hatte ich nie! Und dein alter Herr ist auch nicht da, um dir dauernd aufs Dach zu steigen. Ich schicke einfach Postkarten, darauf kannst du dich schon freuen!”

Jonas hatte schon sehr früh Interesse am Schreiben, die Buchstaben T-O-T schrieb er anfangs am liebsten, er muß so vier, fünf Jahre alt gewesen sein. Er weiß noch, daß sein Vater ihm damals sagte, T-O-D schreibe man aber mit D. Das hat ihm schon damals nicht eingeleuchtet, T-O-T sah viel schöner aus, viel toter jedenfalls. Zur selben Zeit die Frage beim Schneiden der Fingernägel: Warum denn die abgeknippsten Nägel immer Halbmonde sein müssen? Warum können es nicht Sterne und Sonnen sein? Auch hier keine befriedigenden Antworten.

“Ich finde es toll, daß du so verständnisvoll reagierst.”
“Ich habe doch noch gar nicht reagiert.”
“Du weißt ja, wie schwer ich es mit meinem Vater hatte. Da finde ich es eben toll, daß wir so dicke Kumpel sind. Und in einem Jahr holst du mich am Flughafen mit einem Bier ab! Und alles ist wie immer.”

Die Ampeln springen auf Blau: Jonas sieht durch das Fenster, wie sich das Auto durch den Regen entfernt. In einem Baum hängen große schwarze Fledermäuse. Die Wohnung ist gleich viel größer, wenn man allein ist. Vielleicht doch keine Mitbewohner? Eine Zeitlang Schloßherr spielen? Es kommt einem gerade angenehm herrschaftlich vor. Auf dem Tisch liegen seine wertvollsten Karten, zum Trocknen: “Garnon, Apologet der Zerstörung”, “Attacke von Heimarmene”, “Untotes Mineurs-Bataillon” und “Plötzlicher Urwaldstoß”. Die Untoten haben fast nichts abgekriegt, er legt sie weg, aber er spielt schon länger nicht mehr Untote.

Es ist sehr schnell dunkel geworden heute. Ein eigenartiges Prickeln legt sich da gern mal auf die Synapsen. Jonas ist keiner von denen, die sich durch neue Situationen ins Bockshorn oder überhaupt irgendein Horn jagen lassen. Und um sich selbst kümmern ist seine Spezialfähigkeit. Er reißt eine Tüte Schildkrötensuppe auf, noch aus elterlichen Beständen, verfeinert sie mit Schnibbelgemüse, läßt sie im Schein der Einbauküche blubbern und verzehrt sie dann stilecht mit Serviette, so, wie das Schloßherrn nun mal zu tun pflegen. James, Sie können abservieren!

“Er hat solche Andeutungen gemacht, ja. Aber Jonas, ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wo das Problem ist. Dein Vater ist ein erwachsener Mann. Ein freier Mann.”
“Ja, schon, Mam.”
“Wir haben dir die Starthilfe gegeben, aber jetzt mußt du allein den Berg hinunterfahren. Irgendwann sind wir auch nicht mehr am Leben, was tust du dann?”
“Ich hätte es halt gerne schon vorher gewußt.”
“Aber du hast doch auch immer gewußt, wie dein Vater tickt. Du kannst mich im übrigen jederzeit auf dem Dorf besuchen. Du mußt hier auch gar nicht viel tun. Der Florian hilft mir ja jetzt bei vielem.”
“Der Florian. Schön.”
“Also wenn du meinst, schaue ich am Wochenende bei dir vorbei. Ist gar kein so großes Problem.”
“Nein, nein. Ich wollte nur wissen, ob er dir von der Weltreise erzählt hat.”
“Jonas, darüber haben wir doch gerade geredet.”

Man hätte das Bett natürlich auch gemeinsam zusammenbauen können; jetzt ist es zu dunkel und zu blöd dafür. Jonas legt sich auf die nackte Matraze. Das sind so die Fehler, die nicht wiedergutzumachen sind: Wenn man das Bett nicht rechtzeitig aufbaut, baut man es niemals mehr auf, weil man sich schon mit der ersten Nacht an die nackte Matraze gewöhnt.

 Jonas wird Aykan fragen, ob er ihm am Wochenende beim Bettenaufbau hilft. Aykan ist mit Jonas auf dem Dorf zur Schule gegangen; er studiert jetzt im zweiten Untergeschoß Körperliches Recht. Aykan trägt im Studium Hemd und Aktenkoffer, er hat deswegen nur am Wochenende Zeit. Das ist normal, weil es Aykans Familie ja auch nie leicht hatte. Jonas wird seinen besten Freund dafür nicht verurteilen. Aber beim Matrazenbau kann er ihm schon helfen.

Am nächsten Morgen erwacht Jonas im Frühseminar. Vor ihm tanzt die Weste des Professors für Argumente einen hypnotischen Tanz. Auf der Tafel steht die Nettesheym’sche Formel, angewendet auf verschiedene Symbolizoen. Jonas kann kaum die Augen aufhalten, die Strapazen der Möbelklauberei sitzen ihm in den Gliedern. Außerdem sind die Aufgaben bestialisch einfach, völlig unverständlich, warum der Westenprofessor da so einen Zauber drumherum veranstaltet. “Von einem Proseminar erwarte ich mehr”, sagt Jonas, mehr zu sich selbst. Leider so laut, daß man ihn hören kann.

Alle Augen richten sich auf ihn. Vermutlich jedenfalls, denn Jonas sitzt ziemlich weit vorne und will sich jetzt nicht umdrehen. Es wäre eine gute Gelegenheit, einen Zauber der temporären Unsichtbarkeit anzuwenden. Oder wäre das Verschwendung? Der Westenprofessor kommt ohne sichtbare Anstrengung zu ihm herüber und baut sich vor ihm auf. Aus der Nähe ist die Jacke noch verstörender. Die Muster scheinen sich zu widersprechen und doch irgendwie beweglich ineinanderzugreifen. Die Farben kennen keinen Stillstand. Es erinnert ihn an diese 3D-Bilderbücher, die er als Kind gemieden hat. Jonas hält sich an seinem alten Pelikan fest.

"Das ist aber sehr bedauerlich, daß wir hier Ihren hohen Ansprüchen nicht zu genügen scheinen. Ich meinenteils glaube zu wissen, daß auch in den höheren Semestern Standardtheurgien immer noch mit Nettesheym abgehandelt werden. Aber vielleicht wissen Sie da mehr als das werte Audimax?"

Hinter Jonas gibt es vereinzelt Gelächter. Auch er ringt sich ein Lächeln ab. Das war taktisch klug. Es läuft auf ein Argumentduell hinaus, soviel ist sicher. Jonas versucht sich zu konzentrieren, doch es gelingt ihm nicht. Es ist diese Weste. Es ist immer die Weste. Mit spöttisch gespitzten Lippen und leicht geweiteten Augen starrt der Professor ihn herausfordernd an. Jonas beginnt zu schwitzen, der Seminarraum tanzt einen langsamen Walzer. Er hat Hunger und sowieso ist das alles hier ein ganz schönes Affentheater. Er muss sich wohl kaum beweisen. Er könnte schon, aber er will nicht. Vielsagend schweigen kann außerdem eine mächtige Waffe sein, die nicht jeder beherrscht. Als er den Jackenprofessor gerade mit jenem Schweigen konfrontieren will, ist niemand mehr da. Mittagszeit.

Jonas tritt durch eine nicht enden wollende Drehtür ins Freie. Draußen ist die reinste Waschküche. Ein struppiges Eichhörnchen verschwindet in einen Hagebuttenbusch. Ob sein Vater schon auf einer exotischen Strandinsel gelandet ist? Egal, wo es ihn hinverschlagen hat, dort ist sicher besseres Wetter als hier. 

Auf dem Campus ist ordentlich was los. Der reinste Karneval teilweise. In Grüppchen wird viel geredet. Wer am lautesten lacht, gewinnt. Jonas geht an einem Stand mit Fahnen und Plakaten vorbei. Angeberslogans und Aufkleber, wie immer. Drum herum stehen Typen vom Gesamtheits- und Zivilisationsseminar. Sicher wieder irgendwas mit Frauen, Europa oder Krieg und Nahost. Das Problem der meisten Studenten ist, daß sie die Konflikte nur halb verstehen. Die Sache mit Judäa zum Beispiel. Sicher, der Gebäuderaub. Aber andererseits die Raketen. Beim Thema Juden muss man höllisch aufpassen, hat sein Vater ihm einmal gesagt. Jonas sieht die Sache leidenschaftslos und deshalb objektiv.

"Ey, Jonas, komm doch mal her."

Auch das noch. Das ist die eine vom Gesamtheitsseminar mit einem Haufen Flyern in der Hand. Maya heißt sie wohl. Aykan hat sie mal "Krawallschwester" genannt, er kennt sie aus dem Studienparlament. Das trifft es wohl ganz gut. Auf Facebook kann man nach ihren ständigen Provokationen die Uhr stellen. Allerdings hat Jonas sie schonmal mit Irma zusammen gesehen, was sie wiederum interessant macht. Ob die beiden Freudinnen sind? Da kommt sie zu ihm rübergelaufen.

"Mensch, du brauchst wohl 'ne Extra-Einladung."
"Was?"
"Na ich hab dich mehrmals gerufen, du Träumer. Paß mal auf, wir machen doch heute abend im Siffstein-Eck eine Party, wo wir Spenden für das besondere Gemeinsamkeitsprojekt sammeln. Und sehr geil: die Zero Brainwashers kommen. Beste Mucke. Oder hörst du sowas nicht."
"Hm."

Jonas hört am liebsten Zither- und Mandolinenmusik. Manche Filmsoundtracks sind auch gut, aber oft etwas zu pathetisch. Da muß man wenn dann in der richtigen Stimmung für sein. Er selbst beherrscht die Mandoline auf nennenswertem Niveau. Sein Großvater mütterlicherseits schenkte ihm damals eine, zur bestandenen Christprüfung.

"...sehr, wenn du kommst. Du, ich muss."
"Ja."

Da dreht sie sich noch einmal um:

"Ach, und Jonas. Weißt du, wer auch kommen will? Irma!"

Provokant lächelnd verschwindet sie in der Aufmerksamkeitstraube. Jonas kann nicht glauben, was er gehört hat. Woher weiß Maya, daß er Irma kennt? Das kann sie gar nicht wissen. Außer von Irma. Hat ihn Irma also doch erkannt? Und nichts gesagt? Und was soll das heißen, Irma kommt auch. Er hat doch gar nicht gesagt, daß er kommen will. Genug. Er muß sich nun zusammenreißen. Einen Happen zu sich zu nehmen wird ihm gut tun. Steifen Schrittes geht er zum Nährgebäude, das, aschfahl und von hufeisenförmig angeordneten, dunklen Fichten umringt, am Rande des Campus liegt.

Der Speisesaal ist proppenvoll. Jonas greift sich ein Tablett und lässt sich von der Schlange zu den intensiv riechenden Nährwannen mitziehen. Jonas achtet mittlerweile auf eine ausgewogene Kost. Eine zeitlang aß er ausschließlich Pistazien, was er vor seinen Eltern geheim hielt. Als es rauskam, schickten sie ihn zu einer Nährberatung, doch Ei und Frischobst ist immer noch schwierig. In den Wannen schwimmen kleine Nilpferde in brauner Soße, daneben Gemüse nach Kaiserart. Der Kartoffelgratin besteht fast nur aus zerlaufenem Käse. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, herzukommen. Jonas entscheidet sich schließlich für ein Schälchen mit Dickmilchzubereitung.

Während um ihn herum teils unangenehm mit vollem Mund geredet und geschmatzt wird, denkt Jonas an die vergangenen Tage. Alles recht viel im Moment. Man weiß manchmal nicht, wo einem der Kopf steht. Gleichmäßig rührt er im Quark. Doch kein Appetit. Da nimmt er über sich eine Bewegung wahr, ein Schatten huscht über den langgezogenen Nährtisch. Jonas schaut nach oben. Vor seinen Augen dreht sich ein gewaltiges Mobile mit rotierenden Planeten vor endlos schwarzem Hintergrund. Was das schon immer da? Und kann es sein, dass sich die Planeten langsam immer schneller drehen? Ja. Jeder Zweifel ausgeschlossen. Es ist soweit.


Fortsetzung bei Benjamin Weissinger und Leo Fischer

Komplette Kapitel zum Nachlesen:

Die Kapitel zum Nachhören als Podcast:

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